Bevor sich etwas änderte
Erfolg, Verantwortung – und Dauerstress
Ich habe Kaufmann gelernt und früh Karriere gemacht. Später führte ich ein Unternehmen mit mehr als 35 Mitarbeitenden, großen Lagerflächen und mehreren Millionen Euro Jahresumsatz. Ich wusste, wie man Verantwortung übernimmt, Probleme löst und weitermacht.
Ich kannte aber auch Arbeitstage von bis zu 17 Stunden, ständige Erreichbarkeit und das Gefühl, dauerhaft an der Grenze der eigenen Kraft zu leben. Nach außen funktionierte ich. Doch trotz des wirtschaftlichen Erfolgs war ich nicht glücklich. Lange hatte ich dafür kaum Worte – und kaum Zeit, es überhaupt wahrzunehmen.
Insolvenz 2013
2013 musste ich Insolvenz anmelden. Damit verlor ich auch große Teile meiner materiellen Sicherheit – meine Eigentumswohnung und mein Erbe. Die geschäftlichen Verpflichtungen und die Aufarbeitung begleiteten mich noch lange. Ich weiß deshalb nicht nur, was Erfolg bedeutet, sondern auch, wie sich Verlust, Unsicherheit und ein mühsamer Wiederaufbau anfühlen.
Ich blieb währenddessen geschäftlich aktiv und baute Schritt für Schritt wieder etwas auf. Diese Erfahrung hat mich geprägt, aber sie ist nicht das Ende meiner Geschichte. Sie hat mir gezeigt, dass ein Neubeginn selten in einem einzigen großen Moment geschieht. Oft besteht er aus vielen unspektakulären Entscheidungen, trotzdem weiterzugehen.
Paartherapie und die ehrliche Erkenntnis
In einer großen Beziehungskrise begann ich eine Paartherapie. Dort bemerkte ich nach und nach, dass meine Unzufriedenheit tiefer reichte. Es ging nicht nur um unsere Beziehung. Ich war auch mit meinem damaligen Arbeitsleben tief unzufrieden und hatte im jahrelangen Funktionieren den Kontakt zu mir selbst verloren.
Meine Therapeutin empfahl mir die Heldenreise. Damals war ich so schnelllebig und im Dauerstress, dass ich nicht lange recherchierte oder abwog. Ich probierte es einfach aus. Rückblickend war genau das mein Glück.
Die Heldenreise als Gamechanger
Die Heldenreise wurde für mich zu einem absoluten Gamechanger. Zum ersten Mal verstand ich nicht nur theoretisch, sondern erlebte unmittelbar, dass auch ein erwachsener Mensch fühlen darf – und dass Gefühl und Verstand keine Gegensätze sind.
Für mich gehören Kopf, Herz und Bauch zu einem gemeinsamen System. Erst wenn ich alle drei wahrnehme, kann ich mich wirklich verstehen und stimmige Entscheidungen treffen. Diese Erfahrung war bewegend, intensiv und der Startpunkt für fast alles, was danach kam.
Ich wusste danach: Diesen Spirit möchte ich nie wieder verlieren.
Eigene Therapie seit 2020
Nach der Heldenreise begann ich nicht nur Ausbildungen, sondern vor allem meine eigene therapeutische Arbeit. Seit 2020 nehme ich regelmäßig Einzeltherapie, Paartherapie und Supervision in Anspruch – im Durchschnitt ungefähr alle drei Wochen, zeitweise auch häufiger oder in Doppelstunden.
Dazu kamen verpflichtende Lehrtherapiestunden im Rahmen meiner Gestaltausbildungen, begleitende Therapie während der Heldenreiseleiter-Ausbildung sowie zwei jeweils siebentägige Intensivseminare: die Heldenreise und der Schatten.
Drei Jahre Gestaltausbildungen
Die Haltung und Lebendigkeit der Heldenreise ließen mich nicht mehr los. Um sie zu verstehen und weiterzutragen, absolvierte ich über drei Jahre Gestaltausbildungen bei mehreren Instituten. Kontakt, Gewahrsein, Selbsterfahrung und echte dialogische Begegnung wurden zu einem Fundament meiner Arbeit.
NARM seit 2023
2023 begegnete mir in meiner eigenen Therapie NARM – das NeuroAffective Relational Model nach Laurence Heller. Dieser Ansatz beschäftigt sich mit den Folgen von Bindungs-, Beziehungs- und Entwicklungstrauma und mit frühen Überlebensmustern, die das Erleben und Beziehungen bis ins Erwachsenenleben prägen können.
Für mich war das ein weiterer wichtiger Schlüssel. Ich begann tiefer zu verstehen, dass manche Reaktionen nicht erst in der aktuellen Situation entstehen, sondern mit sehr frühen Erfahrungen, Anpassungen und dem Verlust von Verbindung zu sich selbst zusammenhängen können. Mit diesem Ansatz arbeite ich in meiner persönlichen Therapie bis heute weiter.
Leistung, Anpassung und neue Wahlmöglichkeiten
Ich selbst komme aus einem Familiensystem, in dem Leistung viel zählte und ein harter, emotional wenig zugänglicher Erziehungsstil prägend war. Zu verstehen, welche Strategien daraus entstanden sind und was davon heute nicht mehr zu mir gehört, wurde zu einer meiner wichtigsten persönlichen Aufgaben.
Diese Geschichte macht mich nicht zum Experten für das Leben anderer. Sie hilft mir aber, Schutzmuster nicht vorschnell zu bewerten und Entwicklung nicht mit weiterer Selbstoptimierung zu verwechseln.
Heilpraktiker für Psychotherapie
Unter meine erfahrungsorientierte Arbeit wollte ich ein solides fachliches Fundament legen. Deshalb absolvierte ich die Ausbildung zum Heilpraktiker, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie. Dort vertiefte ich unter anderem psychische Störungsbilder, Diagnostik, Krisen, rechtliche Grenzen und unterschiedliche therapeutische Ansätze. Begleitend sammelte ich auch eigene Erfahrungen mit verhaltenstherapeutischer Arbeit. Die nächste Überprüfung ist für Oktober 2026 vorgesehen.
Nicht die Methode entscheidet
Für mich entscheidet nicht zuerst die Therapieschule. Entscheidend ist eine offene, dialogische und gestaltorientierte Grundhaltung: den Menschen wirklich wahrnehmen, gemeinsam verstehen, was er braucht, und daraus die passende Vorgehensweise entwickeln.
Manchmal hilft ein klares Gespräch, manchmal ein gestaltorientiertes Experiment, eine körperliche Wahrnehmung oder ein verhaltenstherapeutischer Schritt. Die Methode soll dem Menschen dienen – nicht der Mensch der Methode.
Unternehmer – aber nicht mehr getrieben
Ich bin bis heute selbstständig und im Handel tätig. Der Unterschied liegt nicht darin, dass Arbeit oder wirtschaftliche Verantwortung verschwunden wären. Ich arbeite heute effizienter, klarer und bewusster. Das Geschäft ist Arbeit und dient auch dem Geldverdienen – es muss mir nicht mehr meinen Wert beweisen.
Prestige, ein schnelles Auto oder die Wirkung nach außen sind für mich nicht mehr der Maßstab. Ich möchte wirtschaftlich verantwortlich handeln, ohne mich von alten inneren Antreibern beherrschen zu lassen.
Frei sein – auch in Beziehung
Freiheit war schon in meiner Heldenreise ein zentrales Motiv. Zuerst bedeutete sie für mich vor allem, frei entscheiden und meinen eigenen Weg gehen zu können. Heute ist mein Verständnis weiter geworden: Freiheit heißt auch, in Beziehung zu bleiben, Nähe auszuhalten und Schwieriges anzusprechen, ohne mich selbst oder den anderen zu verlieren.
Ich möchte Verantwortung für meine Gefühle und Entscheidungen übernehmen, ohne den Schmerz eines anderen zu meinem Auftrag zu machen. Ich bin ich und du bist du. Wo wir uns mit unseren Grenzen wirklich begegnen, kann etwas sehr Schönes entstehen.
Dieser Weg hat auch Beziehungen verändert. Manche Menschen sind geblieben, andere haben sich still oder laut verabschiedet. Einen neuen Weg zu gehen bedeutet manchmal, dass nicht alle aus dem bisherigen Umfeld mitgehen können.
Begegnungskraft
Heute fließen diese Stationen zusammen: Erfolg und Verlust, Wiederaufbau, meine kaufmännische und unternehmerische Erfahrung, mein eigener Therapieprozess, die Heldenreise, Gestaltarbeit, NARM-geprägte Selbsterfahrung, Supervision und psychologisches Wissen. Auch ein Freundes- und Kollegenkreis, in dem Tiefgründigkeit und ehrliche Entwicklung Raum haben, trägt mich auf diesem Weg.
Mein Blickfeld ist weiter geworden. Freiheit kann heute auch ein stiller Moment sein: allein auf meinem Balkon sitzen, in die Ferne schauen und mit mir selbst sein – ohne etwas leisten, kaufen oder beweisen zu müssen. Früher konnte ich Alleinsein kaum aushalten. Heute liegt genau darin manchmal große Kraft.
Ich glaube nicht, dass Entwicklung irgendwann abgeschlossen ist. Wir lernen nicht aus. Daraus entsteht meine Art zu begleiten – warm, direkt, auf Augenhöhe und mit Respekt vor dem eigenen Tempo und der Geschichte jedes Menschen.